Ich habe im letzten Beitrag über unser Verhältnis zu Geschichten gesprochen.

„Wir Menschen sind Wesen die Geschichten erzählen. Man könnte uns sogar als das einzige Lebewesen beschreiben, das sich selbst seine Geschichte erschafft und innerhalb dieser dann zu leben gezwungen ist.

Denn das Bild, das wir von uns als Mensch und von unserer Kultur haben, ist nur eine gemeinsame Erzählung der Gesellschaft in der wir leben und an die wir zwangsläufig glauben müssen. Wir können die Realität, also uns und unsere Welt, nie so sehen wie sie wirklich ist, sondern immer nur durch die Worte und Geschichten mit denen wir sie beschreiben.“

 

 

Heute würde ich gerne darüber sprechen, wie sich unser Bild vom Menschen und seinem Platz in der Welt entwickelt hat. Um genauer zu sein, wie sich die Erzählung darüber geändert hat, was das Menschsein ist. Und welche Gedanken und Bilder hinter den jeweiligen Weltbildern verschiedener Zeiten standen.

Denn dann verstehen wir vielleicht, wieso heute ein so lebensfeindliches Bild von der Welt und vom Menschen in ihr herrscht.

 

 

„Das wahre Studium der Menschheit ist der Mensch.“

 

 

Werfen wir zuerst einen Blick auf unsere Vergangenheit.

Beschreiten wir dabei nicht den Weg, den wir aus der Schule kennen, Geschichte als eine Abfolge von Ereignissen und technischen Errungenschaften. Und wir sollten der Geschichte auch keine Richtung unterstellen, von den einfachsten Anfängen bis zu dem vermeintlichen Höhepunkt an dem wir heute stehen.

Denn diese Art der Geschichtsschreibung bezieht sich immer nur auf die Auswirkungen dessen, was in der Gesellschaft an Gedanken herrscht. Aber sie betrachtet nicht das, was E. Friedel einmal die „Weltenseele“ nannte.

Denn es ist nicht die technische Entwicklung die zählt. Es sind nicht die großen Reiche oder die berühmten Herrscher die wichtig sind. Sondern es ist der Mensch in seiner jeweiligen Zeit und seine Art, das „Menschsein“ in all seinen Facetten auszudrücken.

 

 

In Wirklichkeit ist die Geschichte der Menschheit eine Geschichte der Veränderung des menschlichen Wesens. Eine Geschichte seiner verschiedenen Sichtweisen auf die Welt und der Art und Weise in ihr zu leben.

Wenn man die Entwicklung so betrachtet, dann bekommt man tiefere Einsichten in das, was das Menschsein ausmacht. Und man sieht, dass die Menschen zu jeder Zeit und in jeder Kultur bestrebt waren, auf möglichst vollkommene Art und Weise ihr Menschsein auszudrücken.

 

 

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Völkern. Und auch innerhalb einer Kultur bestehen Unterschiede in den verschiedenen Epochen.

Denn die Menschen und ihre Sicht auf die Welt verändern sich im Laufe der Zeit ständig.

Manchmal geschehen diese Veränderungen langsam, so wie es in der vorgeschichtlichen Zeit der Fall war. Doch manchmal ändert es sich auch schnell.

Heute haben wir ein Tempo der Veränderung erreicht, das größer ist als jemals zuvor undmit dem viele Menschen nicht mehr umgehen können.

 

Um zu verstehen, was gerade geschieht, ist es wichtig, zu sehen was sich verändert und wie das geschichtlich einzuordnen ist. Um dann daraus ein paar Punkte abzuleiten, die uns helfen könnten, die Veränderung zu verstehen.

 

 

„Ein gutes Buch, ein literarisch wertvolles Buch, das uns auch im Innersten berührt, ist eine der letzten Waffen gegen unsere hochtechnologisierte Welt.“

 

 

Das auffallendste Merkmal unserer heutigen Welt ist ein permanenter Fortschritt als Selbstzweck und die Allgegenwart der Technik. Alles andere wird heute diesen beiden Punkten untergeordnet.

Denn wir benutzen die Technik schon lange nicht mehr nur als Werkzeug. Mittlerweile wurden wir zu ihren Dienern und dadurch zu Götzenanbetern einer neuen Macht außer uns.

 

Aus dem heraus verfallen wir auf so seltsame Ideen, wie etwa der, menschliche Probleme durch technische Prozesse beschreibbar und dadurch lösbar machen zu wollen.

Ich denke dabei an solche Dinge wie den Glauben, dass sich in Schulen durch immer neue Testreihen etwas zum Positiven ändern kann. Anstatt einfach auf didaktisch und menschlich hervorragende Lehrer zu setzen.

Oder die Idee, Arbeiter am Fließband nur mehr durch Geld zu motivieren. Anstatt den Menschen Sinn in ihrer Aufgabe zu geben.

Oder unsere hochtechnisierte Medizin, die nicht mehr auf die Erfahrung und das Einfühlungsvermögen des Arztes setzt. Sondern die den Körper in immer kleinere Teile zerlegt und untersucht. Und dabei viele Ebenen von Krankheit übersieht.

Mit einem Wort: wir versuchen heute alles, auch unser Innenleben, durch die Technik beherrschbar zu machen.

 

 

„Geschichte ist die Biographie der Menschheit.“

 

 

Doch das ist falsch. Aber es ist nicht nur falsch, sondern es ist auch dumm. Und im Endeffekt ist es ein Zeichen eines kollektiven Wahnsinns der uns befallen hat. Diese Art den Menschen zu sehen und das Leben immer weiter zu zerlegen entspricht nicht mehr dem menschlichen Wesen, das wir seit hunderttausenden von Jahren sind.

 

Denn wir sind zwar geistig hochentwickelte Wesen, wir haben eine globale Zivilisation errichtet und beherrschen mittlerweile die gesamte äußere Welt. Aber wir können trotzdem nicht unser Menschsein verleugnen und zu etwas „Anderem“ werden.

Jedenfalls nicht, ohne unsere  Menschlichkeit preiszugeben. Ohne den Verlust dessen, was uns als Menschen ausmacht.

 

 

 

In früheren Kulturen war das noch anders. Ich denke dabei an die alten Griechen, die Römer oder unser Mittelalter.

Die Menschen dieser Epochen waren dem „Menschsein“ noch näher, denn ihr Leben war im Großen und Ganzen noch „konkret“. Sie lebten in kleinen, überschaubaren Gruppen, sie waren gezwungen ihr Leben an der Natur auszurichten und sie hatten ein an den Menschen angepasstes Tempo in ihren Tätigkeiten.

Und vor allem war ihre Technik nicht so allumfassend und andauernd präsent wie in unserem Leben. Sie war nicht abstrakt und gegen ihr „Menschsein“ gerichtet, sondern nur eine Erweiterung ihrer natürlichen Fähigkeiten.

Deshalb war das Leben dieser Menschen noch nicht so sehr von ihrem Menschsein abgespalten wie heute.

 

 

„Die Moderne ist eine Uhrzeit-Moderne.“

 

 

Im 14. Jhdt. kam es zu der Erfindung, die schlussendlich zu unserer modernen Welt führte. Damals suchten christliche Mönche nach einem Hilfsmittel, um ihre Gebetszeiten besser bestimmen zu können. Zuvor waren sie noch auf so einfache Dinge wie „Stundenkerzen“ und ähnliche angewiesen, aber durch ihren Erfindungsgeist entdeckten sie schließlich die Möglichkeit der Zeitmessung mittels der mechanischen Uhr.

 

 

Diese Erfindung blieb aber nicht lange auf die Klöster beschränkt. Innerhalb einer geschichtlich relativ kurzen Zeit verbreitete sie sich über den ganzen Kontinent und wurde zu einem so bestimmenden Faktor im Leben der Menschen, dass L. Mumford sie als „Urmaschine des modernen Industriezeitalters“ bezeichnete.

Was er damit meinte war, dass sie die Menschen und ihre Sicht auf die Welt nachhaltig veränderten. Und dadurch, auf Umwegen, zu der Welt führte, in der wir heute leben.

 

 

Für uns heute ist die Uhr zu einem normalen Bestandteil des Lebens geworden. Sie ist so dominant,  dass wir all unsere Tätigkeiten nach ihr ausrichten. Unsere Arbeitszeiten, unsere Freizeitbeschäftigungen, ja, manchmal sogar unser Liebesleben. Aber man muß sich einmal vor Augen führen, wie seltsam dieses Verhalten ist.

Man stelle sich nur einen Wolf vor, der mit einer Uhr an der Pfote darauf wartet wann er schlafen darf, wann er auf die Jagd geht oder wann es Zeit ist zu heulen.

Mit diesem Bild im Kopf merkt man vielleicht, wie unnatürlich dieses Verhalten ist und welch starke Veränderung das für die damaligen Menschen bedeutete.

 

 

Natürlich konnte eine Erfindung, die so stark auf das Verhalten der Menschen Einfluss nahm, nicht ohne Auswirkungen auf ihr Denken, auf die Art wie sie die Welt sahen, bleiben.

 

 

„Unser Leben ist das Produkt unserer Gedanken.“

 

 

Eine der wichtigsten Veränderungen ist folgende: Vor der Erfindung der Uhr war Gott ganz natürlich Herrscher der Welt und damit auch der Zeit. Denn nur er bestimmte die Rhythmen der Natur, Sonnenauf- und Untergang oder besondere Ereignisse wie eine Sonnenfinsternis.

Aber durch die Uhr wurde die Zeit für den Menschen messbar und dadurch auch beherrschbar. Und da der Mensch jetzt das Gefühl hatte, die Zeit zu beherrschen, raubte er sie seinem Gott.

Denn die Menschen begannen fast sofort sie selbst zu gestalten, etwa indem sie die Stundenlänge nach objektiven Kriterien maßen oder indem sie Zeit und Geld zueinander in Bezug setzten.

Aber dadurch entfernten sie Stück für Stück den Glauben aus der Zeit und hielten sich nicht mehr an die von Gott geschaffene, natürliche Ordnung der Dinge.

 

 

Man kann sich heute kaum noch vorstellen, was das für die Psyche des damaligen Menschen bedeutete.

Denn einerseits war das ein Verlust an Sicherheit und an Geborgenheit im Glauben.

Aber gleichzeitig war es der erste Schritt aus der Abhängigkeit von einer jenseitigen Welt. Um sich als selbstständiges Individuum wahrzunehmen und nicht mehr nur als Partikel einer von Gott gelenkten Welt.

 

 

Einen wichtigen Punkt will ich an dieser Stelle noch einfügen.

Wir sehen hier nicht nur die Wurzeln unserer modernen Welt und den Anfang unserer modernen Geschichte. Sondern auch, wie eine relativ einfache Erfindung, wie die der mechanischen Uhr, das gesamte Weltbild revolutionieren konnte und zu unabsehbaren Konsequenzen für die Zukunft führte. Und das ganz unabhängig davon, was der eigentliche Zweck der Erfindung war.

 

 

„Die Uhr ist die Mutter aller Maschinen, sie hat die Moderne auf den Weg gebracht. Die Dampfmaschine im 18. Jhdt. sucht die Beschleunigung.“

 

 

Der nächste große Einschnitt in unserer Kultur war die Erfindung der Dampfmaschine. Ich glaube die Geschichte dazu ist zu bekannt, als dass ich sie jetzt ausbreiten müsste.

Wie es erst durch ihre Verbreitung möglich wurde aus der Malthusianischen Falle auszubrechen, also wie wichtig sie war, die Verbindung zwischen Bevölkerungswachstum und Nahrungsmangel aufzubrechen. Wie sie auf lange Sicht für den Reichtum der Nationen sorgte die eine industrielle Revolution durchliefen und in welchem Elend die restlichen Völker lebten.

 

Was aber seltener gesehen wird ist, wie sich durch die Verbreitung der Dampfmaschine auch die Menschen selbst veränderten. Ihre Sicht auf die Welt und ihre Erzählung über das Menschsein.

 

 

Denn die Maschinen wurden im Laufe der Zeit zu einem so dominanten Faktor, dass es naiv wäre zu glauben, dass das keinen Einfluss auf die Entwicklung des Bildes vom Menschen hatte.

Im Kleinen zeigt sich das schon an einzelnen Worten, die wir seitdem benutzen. Uns ist das heute nicht mehr bewusst, aber Werte wie Effizienz, Standardisierung, Messbarkeit oder Fortschritt waren niemals zuvor Werte, die mit dem Menschen in Verbindung gebracht wurden.

Aber es veränderten sich nicht nur einzelne Worte, sondern auch die Geschichte die erzählt wurde. Um genauer zu sein, es änderte sich die Erzählung, innerhalb der der Mensch lebte.

 

 

Denn eine Gesellschaft ändert sich dadurch, dass eine gewisse Anzahl ihrer Mitglieder beginnt, über gewisse Dinge auf eine neue Art zu denken. Dabei geht das in zwei Richtungen. Wir beginnen Dinge, die uns bekannt sind, neu zu sehen. Aber noch öfter sind es neue Dinge, die uns dazu zwingen, eine neue Art des Denkens und der Weltsicht zu entwickeln.

 

 

„Durch die Maschine ist die Zeit zur Beherrscherin des Menschen geworden.“

 

 

Dadurch, dass die Maschinen einen so hohen Stellenwert bekamen und man begann, sie als natürlichen Bestandteil der Welt zu sehen, begann sich auch der Mensch selbst als Maschine zu sehen.

Im Kleinen erkennen wir das wieder an unserer Sprache. Wir „verbrennen“ unser Essen, wir „funktionieren“, wir „reparieren unser Herz“ und vieles mehr.

 

 

Aber es sind nicht nur ein paar Floskeln die sich eingebürgert haben, sondern es veränderte sich unsere gesamte Sprache.

Das ganze Thema zu durchleuchten würde zu weit führen. Ich fühle mich dazu weder kompetent genug noch ist das ist für unser Thema wichtig.

Wichtig ist nur zu sehen, dass die Sprache sich verändert hat. Dass sie weggekommen ist von einem „Träumen und Singen“. (Zitat Achilles)

Weg von einem Weg, mit der Gott und die Schöpfung gepriesen wurde, hin zu einem Hilfsmittel um die Welt so zu beschreiben wie wir glauben, dass sie ist.

 

 

Ich will damit keine Bewertung aussprechen, denn diese Entwicklung hat Vor- und Nachteile.

Wie ich es sehe, überwiegen die Vorteile. Wir haben uns zwar immer weiter vom Glauben entfernt, wir haben uns auch immer mehr vom „Menschsein“ entfernt, aber wir haben dadurch eine neue Stufe von Freiheit erreicht. Die Freiheit, uns zu entscheiden. Und die Möglichkeit, diese Entscheidung auch in unserem Leben umzusetzen.

 

 

Um noch einmal zur Geschichte der industriellen Revolution zurückzukehren. Wie kam es dazu, dass sich dadurch unsere Sprache und unsere Art die Welt zu sehen in einem so hohen Ausmaß veränderten?

Indem Maschinen einen hohen Wert an sich bekamen und man anfing, sie als integralen Bestandteil der Welt zu sehen. Und dann begann sich unsere Geschichte auf so vielfältige Art und Weise mit ihnen zu verknüpfen, dass sich auch unsere Erzählung dadurch veränderte.

 

 

„Was der Mensch sei, sagt ihm nur die Geschichte.“

 

 

Ich hoffe, ich konnte damit deutlich machen, dass sich durch die industrielle Revolution nicht nur unsere Umwelt änderte, sondern auch unsere Art in ihr zu  leben. Und zwar durch die Art, wie wir sie betrachteten und durch unsere Worte beschrieben.

Es änderte sich wieder einmal unsere Erzählung und dadurch unser menschliches Wesen.

 

 

Um den Gedanken, um den es mir heute geht, zu einem Abschluss zu bringen und es noch einmal deutlich zu sagen: Wir werden das, woran wir glauben und das, was uns die Umwelt spiegelt.

Wir sind immer ein Teil der Gesellschaft, indem wir in der gemeinsam erzählten Geschichte aufwachsen und uns nur durch sie definieren können. Wir können immer nur unsere kleine Geschichte innerhalb der großen erzählen.

Änderungen im gesellschaftlichen Umfeld, in der gemeinsamen Erzählung, verändern auch unser Leben. Wenn die Veränderung tiefgreifend genug ist, dann ändert sich auch unsere Erzählung über die Gesellschaft und deshalb auch als Mensch.

 

 

Auf dem Weg in unser heutiges Bild gab es einige wichtige Marksteine. Die Erfindung der Uhr, die Erfindung des Buchdrucks, die industrielle Revolution oder die digitale Revolution.

 

 

In meinem nächsten Beitrag möchte ich darauf eingehen, wie die digitale Revolution das neue Weltbild formt und eine neue Erzählung über den Menschen erschafft.

Und wieso ich glaube, dass diese Erzählung für uns als Menschheit mehr negative als positive Konsequenzen haben könnte.

 

 

Und ich werde versuchen, in dem was ich gesagt habe ein paar Antworten zu finden. Um zu sehen, was wir für uns und unsere Kinder ändern müssen, damit wir unser „Menschsein“ bewahren.

 

 

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